Virtuelle Welt – Gesellschaftliche Folgen


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223 Minuten des Tages sehen wir in Deutschland fern (1) – es ist immer noch unsere liebste Freizeitbeschäftigung. Ich schaue seitdem ich 16 Jahre alt bin nicht mehr fern, dennoch konsumiere auch ich täglich andere Medien im Internet, wie Youtube, Blogs oder Podcasts. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die allermeisten Menschen fleißig und hart arbeiten, um sich dann dem passiven Anschauen beleuchteter LCD-Bildschirme zu widmen.
Es scheint, als ob die wahre Freude des Lebens wäre, ein simuliertes Leben zu betrachten, dass man nicht riechen, nicht anfassen und auch nicht schmecken kann.

Der Film “Matrix” erzählt die Geschichte einer Welt, in der die Menschen vollständig und unbewusst in einer virtuellen Realität leben. Die Menschen in der Matrix sollen von der tristen Realität abgelenkt werden, davon, dass sie lediglich zur Energiegewinnung dienen und ihr Leben lang in einem Tank verbringen. Eine dystopische Vorstellung, die mit dem Aufkommen audio-visueller Geräte zum Abtauchen in Virtual Reality immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Wir müssen uns fragen, warum wir Scheinwelten der realen Welt vorziehen und was die Folgen davon sind.

Mit der großen Verbreitung des Internets und der zunehmenden Digitalisierung unserer Welt ist es leicht geworden, nahezu jedes unserer Bedürfnisse im Internet zu befriedigen.
Den Drang nach Sexualität befriedigen wir durch immer exzessiveren Porno-Konsum (2), unsere Neugier und Abenteuerlust durch Videospiele und anderes digitales Entertainment, sogar unser natürliches Bedürfnis nach sozialen Kontakten kann durch übertrieben “persönliche” Vlogs und Youtube-Material kompensiert werden.
Wir daten, wer uns vorgeschlagen wird und lassen uns online von Ärzten beraten (3).

Wir können das Aufkommen der Virtual-Reality-Brillen und kommende Schnittstellen zum Gehirn als weitere Meilensteine einer längst begonnenen Entwicklung einordnen: Unsere Realität ist längst eine Mischform aus Realität und Virtualität.


1: https://de.statista.com/themen/88/fernsehen
2: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2373/umfrage/haeufkeit-des-aufrufens-pornografischer-seiten-im-netz-nach-geschlecht/
3: http://www.justanswer.de/Arzt

Warum flüchten wir in die Virtuelle Realität?

Verfügbarkeit

Für viele von uns ist es heutzutage schon so selbstverständlich, diese Bedürfnisse online zu erfüllen, dass der Zugang zu dem “Warum?” schwer fällt. Einfacher ist es, sich vorzustellen, wie es uns gehen würde, würden wir diese Bedürfnisse in der realen Welt erfüllen wollen. Wollen wir beispielsweise jemanden daten, haben wir im realen Leben nicht einfach so die Möglichkeit, aus mehreren hundert Kandidaten auszuwählen.  Wir müssten uns im realen Leben einerseits damit zufrieden geben, wer uns analog eben begegnet und andererseits auch viel mehr schätzen, wen wir vor uns haben, denn jedes “Nein” bedeutet die Menge der Auswahlmöglichkeiten noch weiter zu verringern. Das Internet bietet uns in nahezu allen Belangen, Branchen und Genres die Möglichkeit aus einer riesigen Menge auszuwählen, denn das ist der Kern des Internets: Ressourcen digital zu vernetzen.

Hürdenlosigkeit

Die Hürden im realen Leben sind wesentlich höher als online. Online kann man wählen was gefällt und mit einigen Klicks in Aktion treten. Sucht man eine neue Wohnung, kann man sehr einfach den Anbieter kontaktieren. Sucht man ein Produkt hat man mit Amazon den größten Luxus, den wir je hatten: 3 Klicks inkl. Same-Day-Lieferung und das Produkt findet sich an unserer Türschwelle. Findet man eine Person attraktiv: “swipe nach rechts!”.
Im analogen Leben haben wir nicht die Fähigkeit, Menschen mit einem einfachen Left-Swipe loszuwerden – so sehr wir es uns auch wünschen würden. Nein, es erfordert eben Geschick und Geduld den sozialen Tanz zu tanzen.
Sehr selten trifft man auf Menschen, die den rauen, hemmungslosen Umgangston des Internets auch in ihr reales Leben tragen – doch wie ist die Entwicklung zukünftiger Generationen, die immer mehr in virtuellen Welten sozialisiert werden?

Anonymität

Steht man vor einer Person, kann diese einen ansehen, mit der gesamten Identität die man mitbringt, sie kann Nuancen von Schwächen und Stärken erkennen und jegliche Aktionen mit Konsequenzen belegen. Die online herrschende Anonymität gewährt ein einfacheres, abstrakteres “soziales” Handeln. Es erfordert wenig Mut, weil keine Ich-bezogenen Konsequenzen drohen.
Virtuell zu interagieren ist wie mit einer Maske auf die Straße zu gehen – man ist ungreifbar, im wahrsten Sinne des Wortes.

Intensität

Können wir im Videospiel erleben, wie Bomben über uns einschlagen und Kugeln an uns vorbei fliegen, würden wir im realen Leben einen Teufel tun ähnliche Erfahrungen zu suchen.
Doch was kann uns das reale Leben im Anbetracht der virtuellen Welten noch bieten? Wie sehr können wir echte, intime Sexualität noch genießen, wenn wir die Extrema des Porno-Konsums gewöhnt sind?
Wie sehr können wir ein echtes Gespräch noch genießen, wenn wir von vloggenden Youtube-Stars  ein Gefühls-Surrogat erleben können?

Soziale Implikationen

 Wir passen uns der Intensität an, indem wir abstumpfen.

Als Kinder waren wir begeistert davon, das erste Mal Fahrrad zu fahren – jetzt fällt es uns schwer, die gleiche Aufregung, das gleiche Entertainment zu empfinden. Wir stumpfen ab.
Das liegt in unserer Natur – Erfahrungen die wir häufig machen, Bilder die wir häufig sehen, sind immer weniger reizvoll. Dieser Gewöhnungseffekt hat massive Folgen für unser Leben.
Wir gewöhnen uns schnell an ein Intensitätsniveau und brauchen diese Intensität dann auch: Es erfüllt uns nicht mehr, Fahrrad mit Stützrädern zu fahren, wir wollen schnelle Rennräder fahren.
Diese Abstumpfung tritt auch in der realen Welt auf, doch hier erlernen wir proportional zum gewünschten höheren Reiz vorerst die Beherrschung der Naturgesetze und nötiger Grundlagen. Um ein schnelles Rennrad zu fahren, müssen wir vorher Erfahrungen sammeln und unseren Körper neuromuskulär schulen. In der virtuellen Welt ist dies nicht nötig – der Reiz und der zugehörige Adrenalinausstoß kommen ohne Kosten. Ist dies jedoch wegen der Abstumpfung nicht mehr interessant und sind wir der Virtualität überdrüssig, haben wir nicht die Fähigkeiten erlernt uns den gleichen Thrill im “echten Leben” zu holen. Das Kartenhaus zerfällt.

Verzichten wir dann auf virtuellen Konsum, wissen wir nicht mehr wie wir uns das Abenteuer, die Lust und die zwischenmenschlichen Kontakte holen können, die außerhalb der virtuellen Welt vor uns liegen. Unsere Muskeln sind nicht mit den Kräften gewachsen, die wir bewegen können. Unsere Wohlstandsgesellschaft ist derweil ohne Digitalisierung langweilig geworden, während das Internet immer kurzweiliger wird. Die Folge ist eine Flucht in die virtuelle Welt, die uns über kurz oder lang abhängig macht. Abhängig von denen, die die digitale Welt erschaffen – eine Verteilung von Macht, die wir auch heute schon, ganz ohne “Matrix” beobachten können. Die Menschen sind überfordert mit moderner Technik. Wer aber nicht Teil der Digitalisierung ist, verliert. Oder besser gesagt: Wer die Digitalisierung nicht bestimmt, wird von ihr bestimmt. Es wird also immer wichtiger die eigene Verantwortung für die Partizipation an der digitalen Welt wahrzunehmen. Zu sagen: “Ich kann nicht mit Technik” ist und wird immer mehr eine asoziale Aussage, die ein selbst gewähltes Urteil für das soziale Abseits ist: “Der Digitale Riss” wächst.

 Wir passen uns an die Verfügbarkeit an, indem wir die Geduld verlieren.

Jeder, der seit den 2010er Jahren mal mit seinen Freunden ausgegangen ist, kennt das Phänomen: Kaum zwei Sätze werden gesprochen, ohne dass der Blick auf das Smartphone fällt. Im besten Fall sind es nur ab und zu einige Sätze, die man dem Smart-Zombie entgegen wirft, im schlimmsten Fall schweigt man sich Bier trinkend an.
Es scheint, dass jegliche Geduld dem Gesprächspartner – mit all seinen Macken nervige ähms und hmms von sich zu geben – zuzuhören, verloren gegangen ist. Wurden uns diese durch Jump-Cuts abtrainiert?

Ein gutes, ruhiges, echtes Gespräch, in dem Konflikte vorkommen und sich Menschen greifbar machen, sehen wir uns lieber an, als es zu führen.

 Wir passen uns der Hürdenlosigkeit an, indem wir mutloser werden.

Das Internet hat uns Tür und Tor geöffnet unsere Bedürfnisse zu kompensieren, ohne dafür viel zu investieren. Eine attraktive Person anzusprechen erfordert ebenso Mut wie einen potentiellen Kunden anzurufen.
Mut ist wie ein Muskel: Er verkümmert, wenn man ihn nicht benutzt.
Wir sind nicht daran gewöhnt, mutig zu sein, stattdessen sind wir gewöhnt, uns abstruse Umwege zu suchen unserer Angst aus dem Weg zu gehen. Und da wir so verdammt anpassungsfähig sind, werden wir auch weiter mutloser werden, wenn wir nicht bewusst Widerstände und Hürden suchen.

 Wir passen uns an die anonyme Konsequenzenlosigkeit an, indem wir sozial inkompetent werden.

Sensibilität, Geduld und Mut machen unsere soziale Kompetenz und ein qualitatives Miteinander aus. Doch durch die Konsequenzenlosigkeit die wir online erleben, wenn wir Menschen beleidigen und angreifen lernen wir, das solches Verhalten okay ist. Wir lernen unsere Affekte einfach auszuleben und verlernen emotionale Kontrolle. Die Wahlkampagne von Donald Trump und auch der AfD weiß das zu nutzen. Wir differenzieren nicht, wir fühlen.

Fazit

Wie ich hier dargelegt habe, bringt die Digitalisierung viele Vorteile und gigantische Chancen. In diesem Artikel bin ich auf soziale Implikationen eingegangen. Wir können wählen, wie wir mit unseren neuen Werkzeugen umgehen wollen.
Wollen wir die Verfügbarkeit nutzen, um uns humanitär zu verbinden und unser Wissen und Fähigkeiten zu vernetzen, oder um uns gemeinsam gegen “die Anderen” zu verschwören, zu hetzen und uns zu bekämpfen?
Wollen wir die digitale Ruhe anerkennen und wieder ganz basale Erfahrungen zulassen, oder wollen wir im Rausch der Virtualität freiwillig in einer Matrix leben?
Wollen wir mutig sein und uns bewusst Hürden suchen, oder die neuen Tools als Fluchtchance vor Widerständen ansehen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen?
Wollen wir unsere Affekte kontrollieren und Kommunikation analog gestalten oder lieber eine distanzierte Form der Online-Kommunikation wählen – Rechts-Swipen oder Ansprechen?

Jeder Einzelne muss entscheiden, wie er diese Fragen beantwortet. Dazu gehört es, genau zu differenzieren, was wir eigentlich tun, wenn wir Pornos konsumieren, Whatsapp-Nachrichten schreiben, Tindern, Twittern, Instagrammen und Facebooken. Wir müssen für uns herausfinden was die Konsequenzen davon sind – am besten schnell.  Was bedeutet es, wenn man sich online kennenlernt und nicht im realen Leben? Was macht es mit unserer Kommunikation, nur über Sprache oder Text auf Whatsapp zu kommunizieren und nicht mit einer Person, die wir anfassen können?
Was macht es mit unserer Kultur, wenn wir ständig die perfekten kleinen Lebensschnipsel unserer Peers auf Twitter und Facebook sehen?

All diese Fragen müssen wir auch als Gesellschaft aushandeln und zu einer Kultur kommen, die in die digitale Welt integriert ist. Es ist dennoch sicher nicht das schlechteste, das Smartphone oft genug wegzulegen, den Flugmodus einzuschalten und auf ganz klassische Weise mit seinen Mitmenschen zu interagieren und die Welt zu genießen, an die unser Menschenaffen-Gehirn seit Jahrtausenden gewöhnt ist.

Verbreitet die Message!

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