Mehr Freizeit, Mehr Faulheit


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Ich selbst habe im Rahmen des Wechsels meiner alten Arbeitsstelle meinen Resturlaub genommen, sowie einen zusätzlichen Monat Pause, um meine Bachelorarbeit zu schreiben. Da ich nicht der Typ bin, der viel Urlaub macht, hatte ich fast meinen gesamten Jahresurlaub zu nehmen. Ich hatte also komplette zwei Monate Pause. Eine Phase von der ich ahnte, dass sie schwer für mich werden würde. Denn vorher habe ich immer sehr gern gearbeitet und mir nach der Arbeit ergänzende Arbeit gesucht.

Wochenlang machte ich nach der Arbeit 4-6 Mal die Woche Sport, las Bücher, hörte Hörbücher, schrieb an diesem Blog, bildete mich mit Pluralsight-Kursen weiter, arbeitete an meinem Nebenprojekt (welches noch geheim ist) und ach ja, studierte noch. Ich empfinde das viele und vielfältige Arbeiten als Entfaltung meines Geistes. Während das Programmieren eine konstruktive Tätigkeit ist, die Kreativität und Abstraktion verbindet, ist dieser Blog für mich ein Training meiner Muttersprache, welche ich so liebe. Der Kraftsport ist ein Weg mich zu erden – zu spüren, dass ich nur ein intelligentes Tier bin. Der Mannschaftssport ist ein Weg, andere Menschen auf eine nicht verkopfte Weise zu erleben, mich zu messen und gemeinsam zu spielen.

Das Lesen und Hören von Büchern schult meine Psyche und die Fähigkeit zu denken. Nach einer Weile entsteht eine mentale Klarheit, die der Routiniertheit des Fahrradfahrens gleicht. Der Verstand wird sicherer und schreckt vor komplizierten Gedankengängen nicht mehr zurück – vergleichbar mit den Anfängen des Informatikstudiums, in denen Induktionsbeweise überfordernd schienen und jetzt mehr ein Denkmuster geworden sind, denn eine Methode. So wie Blut unseren Körper belebt, wenn es durch die Blutbahn pumpt, beleben Gedanken, die durch unseren Verstand schießen, unsere Seele.

Nun jedoch fiel das Fundament weg, auf dem dieses Leben fußte; ich hatte Freizeit.
Ich habe mir natürlich Ziele gesetzt, die ich in dieser Zeit erreichen wollte. Ich wollte einen gewissen Teil meiner Bachelorarbeit erledigt haben (20 Seiten), mich auf 100kg in der Kniebeuge und 120kg beim Kreuzheben steigern, ein bestimmtes Buch über Scrum gelesen haben, sowie 2 verschiedene Spring Kurse absolviert haben. Mit dem heutigen Tag sind es 18 Seiten der Bachelorarbeit, letzte Woche habe ich 100kg in der Kniebeuge geschafft. Aufgrund einer Zerrung im Brustmuskel und resultierender geringerer Trainingsintensität bin ich bei 110 kg im Kreuzheben stehen geblieben – ein “Rekordversuch” steht aus – dafür hat sich die Technik deutlich verbessert. Das Buch und die Kurse habe ich absolviert. Im Großen und Ganzen kann ich zufrieden sein mit meinen Erfolgen. Dennoch war die viele Freizeit hart für mich. Anfangs half mir das Momentum der letzten Arbeitswochen noch meine Routinen zu halten, doch dann wurde arbeiten angesichts der geringen Last albern. Nach einigen Wochen waren bereits 15 Seiten der Bachelorarbeit geschrieben, zwei Kurse erledigt und das Scrum-Buch halb durchgelesen. Doch es zeichnete sich schon etwas ab: Es fiel mir viel schwerer mich zum Arbeiten zu motivieren.

Warum schafft man weniger, obwohl man mehr Zeit hat?

Wie so oft, wenn mich etwas beschäftigt, veröffentlich John Sonmez genau zu diesem Thema ein Video mit passendem oder exakt gleichem Inhalt:

John geht darauf ein, dass man sich in der Freizeit häufiger damit konfrontiert sieht, Entscheidungen treffen zu müssen. Da der Mann finanziell frei ist, gibt es für ihn keine Notwendigkeit zu arbeiten. Um trotzdem all das zu erreichen was er erreicht hat, musste er sich einen Stundenplan machen, wann was zu bearbeiten ist. Er gibt den Rat das eigene Training, Leseeinheiten und andere nötige Arbeit im Kalender zu terminieren. Das vermeide “Jugdement Calls” (Ermessensentscheidungen). 

Freiheit überfordert

Einerseits meint er damit, dass es einen gewissen Abrieb erzeugt, wenn man sich ständig damit konfrontiert sieht Entscheidungen zu treffen. Schaut man sich das Leben unserer Urvorfahren an, das unser Gehirn geprägt hat, ist dies auch nicht natürlich. Wir mussten selten Entscheidungen in der Freizeit treffen, was nun zu tun ist, denn diese wurde einfach mit Dingen des “einfachen Lebens” wie Essen, Sex, Sozialisierung und Arbeit (oder alles zugleich) gefüllt. Aus meiner Erfahrung kann ich das nachempfinden – zu viel Entscheidungsfreiheit überfordert. Das merkt man allein schon, wenn man sich einen neuen Laptop anschauen will und wirklich den ganzen Markt betrachten möchte. Furchtbar!

Schwache Entscheidungen vs. Starke Entscheidungen

Andererseits meint John, die Entscheidung selbst, auf einen Moment der Stärke vorzuverlegen, beispielsweise nach einem absolvierten Training das nächste zu planen. So sitzt man nicht an einem sonnigen Tag in der Wohnung und muss entscheiden, ob und wann man sich heute zum Training quält – ganz im Gegenteil alarmiert einen das Handy 7 Uhr, dass man jetzt gehen muss. Dieses Leben habe ich teilweise implementiert und dazu gibt es für mich drei Dinge anzusprechen. 

  1. Sich selbst etwas vorzunehmen ist ein Korsett. Ein Korsett gibt Halt und nimmt Entscheidungen ab (der mentale Abrieb fehlt). Aber das Korsett ist auch eng und manchmal unbequem. Als freiheitsliebender Mensch muss man dann darauf achten, “den Hund auch mal von der Leine zu lassen”, sonst wird der Freiheitsdrang so groß, dass man sich selbstdestruktiv-pubertär vom Selbstauferlegten freisprengt – und sich damit selbst sabotiert.
  2. Man muss sich selbst ernst nehmen. Es gehört Willenskraft und Disziplin dazu, dass was man sich vornimmt auch einzuhalten. Aus meiner Sicht kann diese Willenskraft nur eingehalten werden, wenn man erkennt, dass man sich selbst nicht mehr respektieren kann, wenn man sich etwas vornimmt und es nicht einhält. Wenn man sich vornimmt, um 7 Uhr im Fitnessstudio zu sein und erst um 8 Uhr aufkreuzt, ist es, als hätte man einen Freund um eine Stunde versetzt. Der Freund verzeiht einem ein bis zweihundert Mal, aber irgendwann verliert er den Respekt.
  3. Es ist erfüllend und steigert das Selbstwertgefühl, auf das “höhere” Ich (aus der Vergangenheit) zu hören. Viel erfüllender als etwas aus extrinsischem Antrieb zu erreichen.

Momentum

Das was ich John’s Gedanken hinzufügen möchte, ist das fehlende Momentum. Habe ich einen acht- oder zehn-Stunden-Tag hinter mir, fühle ich mich wertvoll und habe mehr Energie. Sicher habe ich nicht mehr die große Lust mich mit ein- und demselben Thema zu beschäftigen, aber oft hatte ich Lust noch Laufen zu gehen und im Anschluss noch etwas zu schreiben, oder tatsächlich weiter zu programmieren. Das ist Momentum. Der Mensch speichert mentale Energie nicht wie eine Batterie, sondern setzt sie frei wie einen Schneeball, der durch sein Momentum zur Lawine wird. Gesetzt dem Fall wir geben unserem Hirn die Chance die Neurotransmitter im Schlaf wieder herzustellen und wir führen ein halbwegs gesundes Leben.

Fazit

Morgen sind meine zwei Sabbat-Monate vorbei. Eine neue Arbeitsstelle geht los, bei einem neuen Arbeitgeber, in einem neuen Projekt. Ich freue mich unheimlich darüber. Einerseits ist es die Programmiertätigkeit die ich vermisse, andererseits ist es die Struktur der Arbeit an sich. Eigentlich paradox, wenn man bedenkt, dass eines meiner Ziele ist, finanziell frei zu sein. Doch so wie die allermeisten finanziell Freien auch, werde ich vermutlich auch dann noch weiter arbeiten. Umso wichtiger intrinsisch motiviert zu sein.

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