Die Unfähigkeit der Fähigen


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Ich habe bisher einige sehr fähige und kompetente Leute kennenlernen dürfen. Nicht nur Informatiker, auch sehr Sprachbegabte oder Personen die in einer spezifischen Sache extrem gut sind. Diesen Leuten scheint alles zu gelingen oder zumindest scheinen sie wesentlich schneller zu lernen, als man selbst. Wenn man sie mit einem Problem oder Lösungsansatz konfrontiert, über den man gerade fünf Stunden nachgedacht hat, haben sie eine effizientere Lösung direkt parat. Frustrierend 😉

Mindset und Prägung der Intelligenten

Leider ist eine der häufigsten Reaktion von “uns Normalen” diese Leistungen irgendwie zu schmälern oder in einen abgegrenzten Kontext zu setzen. Ich nenne diesen Prozess Depotenzierung.
Für viele sehr intelligente und überlegene Menschen ist es eine Last, dass ihre Fähigkeiten einschüchternd wirken und in anderen Neid hervorrufen. Bis auf die Soziopathen unter Ihnen haben sie natürlich ein Bedürfnis dazu zu gehören und einfach nur “normal” zu sein.

Jeder Mensch der merkt, dass er in etwas besonders gut ist kennt das: Er versucht mit anderen auf seinem Niveau in Kontakt zu treten und merkt dass er auf Neid, Depotenzierung und im Besten Fall Unverständnis trifft. Das ist in zweierlei Hinsicht enttäuschend: Man bekommt nicht die Wellenlänge die man sich wünscht und gleichzeitig wird man abgelehnt, vielleicht sogar ein Hassobjekt, nur weil man ist wie man ist. Es ist nur logisch, daraufhin sein Verhalten anzupassen und seine Fähigkeit zu verstecken. Sie lernen dass es sozial erwünscht ist, die eigene Fähigkeit nicht zu zeigen und eignen sich etwas an das zwischen Bescheidenheit und sozialer Angst oszilliert.

Gleichzeitig bekommen diese Personen von ihrer Umwelt immer wieder gespiegelt: “Wow, du bist extrem intelligent.”. Das ist ein tolles Gefühl, für uns alle – besonders als Jugendlicher, mit all der Unsicherheit und der Suche nach dem sozialen Platz kann dies fast eine Sucht sein. Es ist nur zu verständlich, diese Anerkennung immer wieder zu suchen und sich in dem was man gut kann immer weiter zu profilieren und das zu meiden was man nicht gut kann.

Ich finde das sehr schade, denn auch solche Menschen haben Begrenzungen. Natürlich geht man oft davon aus, soziale Intelligenz wäre diesen Menschen fremd, aber oft ihr Verhalten einfach die Antwort zu oben genannter Depotenzierung. Daraus folgt vielleicht ein Stück Verbitterung und Einsamkeit, während die Beschäftigung mit dem eigenen Fach und der Austausch mit Mentoren, Lehrern und anderen Quellen von Anerkennung extrem positive Reize schafft.

 

Wie mit Begrenzung umgehen?

Selbst wenn wir die intelligentesten und fähigsten Menschen zusammensuchen, ob nun Allgemein oder nur auf ihr Fachgebiet bezogen, wird es immer etwas geben was diese nicht können. Doch wie können sie damit umgehen?

Für solche Menschen ist es oft eine extreme Bedrohung nicht mehr extrem gut zu sein. Manchmal fühlt es sich für mich so an, als würden sie sich sagen: “Wenn du nicht extrem gut bist, bist du nichts.”. Im Gegensatz zu “uns Normalen” haben sie nicht natürlich gelernt in manchen Dingen schlecht, in vielen ganz ok und in einer oder zwei gut zu seien. Es gibt hier zwei Gründe, einerseits ist es nun einmal so, dass sehr fähige Menschen in mehr Dingen sehr gut sind als weniger fähige. Andererseits vermeiden sie die Konfrontation mit ihrer Unfähigkeit aktiv, sie sind abhängig von Ihrer Innen-und Außenbewertung als “Superhirn”. Ist man “dumm” kann man nicht so eine Abhängigkeitsbeziehung zu einem erhöhten narzisstischen Ich aufbauen.

Oft entsteht hieraus also eine gewisse Team- und Kritikunfähigkeit. Hast du schon einmal versucht mit einem Autisten Pair-Programming zu machen? Eine Projekt-Arbeit verfasst?

Implikationen

 

Ich finde es zuallererst mal wichtig, die Depotenzierung wegzulassen. Wenn jemand etwas besser, sogar deutlich besser kann muss man sich das eingestehen – das gehört sich für einen Erwachsenen. Ich entscheide mich, diese Fähigkeit zu begehren oder versuche das “Superhirn” als Mentor zu gewinnen, aber in jedem Fall erkenne ich die Leistung und Fähigkeit an.
Es gehört auch dazu zu erkennen, dass man wahrscheinlich niemals das erreichen kann, was der elitäre erreichen kann. Das Potenzial ist (unfairerweise) durch unsere Genetik und soziale Herkunft mitbestimmt, aber wenn der Intelligente (auch gerne “High-Potential” genannt) nichts tut, du aber alles, wirst du besser werden. Oft ist auch der oben angesprochene Vorteil, des Umgangs mit der eigenen Begrenzung so ausschlaggebend, dass hoch-intelligente Mitarbeiter oft abgehängt werden.
Allgemein sollte man sich nicht mit anderen vergleichen, sondern nur mit sich selbst.

Für die High-Potentials ist es wichtig ihre Abhängigkeit zu ihrem Anspruch zu verringern. Auch ihr seid Menschen, mit menschlichen Ansprüchen und Bedürfnissen. Das Bewusstsein für Bedürfnisse außerhalb der eigenen Befähigung muss tief einsinken. Über diese Einsicht muss die Qual ertragen werden eben einige Dinge (meist soziale oder fachfremde Dinge) nicht zu können/haben, wenngleich aber zu begehren. Ich denke hier ist die meiste Arbeit schon getan, denn wenn man sich an dieses Denkmuster gewöhnt, kann man auch entspannter an seine eigene Unfähigkeit herangehen und ohne großem emotionalen Druck daran arbeiten. Man ist unabhängiger von einer Extrinsischen Motivation geworden.

Führungspersonen die genau diese High-Potentials nutzen wollen um wertvolle Mitarbeiter zu gewinnen, sollte dieses ganze Problem klar sein. Es gibt sture Eigenbrödler, die alleine herausragend viel leisten könn(t)en, aber weder bereit sind für das Unternehmen weder das Team zu arbeiten, noch bereit sind zu lernen, von ihrem Narzissmus abzuweichen.
Für die Anderen muss aber auch Zeit (und Nerven) investiert werden, um sie nachträglich zu erziehen. Da kann es durchaus vorkommen, dass man plötzlich einen rebellierenden Teenager vor sich hat.

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